Mit ‘Diskretion’ getaggte Artikel

“Drum prüfe, wer sich ewig bindet…”

Ich liebe sie, von Goethe bis Gomringer, von klassisch bis konkret. Mein Lieblingsdichter allerdings ist Hermann Hesse. Wie oft haben mir seine Verse – gelesen oder in Gedanken rezitiert – die Zeit des Wartens verkürzt. Denn Warten muss ich des Öfteren. Es ist Teil meines Berufes als Chauffeur bei einem exklusiven Limousinen-Service. Wäre mir die Gabe des Dichtens gegeben und würde es mir nicht die Berufsehre verbieten, könnte ich selbst Bände füllen. Ungefragt geben mir meine Fahrgäste manchen Einblick in ihr Leben. Sich meiner Professionalität und Diskretion sicher, nehmen sie kein Blatt vor den Mund. Ich bin also nicht nur für die sichere Überwindung von Distanzen zuständig, sondern werde gerne auch als Psychologe oder Mädchen für alles beansprucht. Ich habe Menschen in ihren glücklichsten, aber auch in sehr verzweifelten Augenblicken erlebt. So eine Limousine ist ein geschützter Raum, der nicht nur die Hektik und den Lärm von außen abhält, sondern einem wirklich manchmal das Gefühl vermittelt, in einer anderen Welt zu sein.

Zu meinen schönsten Pflichten gehört es, ein Hochzeitsauto zu steuern. Denn „Jedem Anfang wohnt ein Zauber inne …“ wie Hermann Hesse es in seinem Gedicht „Stufen“ so trefflich formulierte.  Dieser Zauber berührt mich jedes Mal aufs Neue, wenn ich ein Brautpaar zum Standesamt oder zur Kirche fahre. Gleichzeitig frage ich mich, wird es diesmal wirklich der Weg ins Glück sein?

„Nur wer bereit zu Aufbruch ist und Reise“ … schreibt mein Lieblingsdichter an späterer Stelle. Als Chauffeur bin ich ständig im Aufbruch und erlebe auf meinen Reisen bzw. denen meiner Passagiere – Traumhaftes und Tragödien, Happy Ends und Katastrophen … Und nun komme ich bei aller Verschwiegenheit doch nicht umhin, eine meiner unzähligen Anekdoten preiszugeben:

Der professionelle Wedding Planer hatte die „Hochzeit des Jahres“ bis ins kleinste Detail arrangiert: Brautauto mieten – ich selbst durfte die Braut standesgemäß im Bentley Flying Spur zuhause abholen und zur Kirche  bringen:

Aufwendige Blumenarrangements, Sitzordnung, ein Menü der Extraklasse inkl. mehrstöckiger Hochzeitstorte, Lifemusik – das Festprogramm war minutiös geplant. Sogar ein Helikopter sollte einschweben, um das junge Paar in die Flitterwochen zu entführen. Gehüllt in einem Traum in Weiß, schritt die Braut aus gutem Hause an des stolzen Papas Arm zum Altar. Erwartungsvoll sah die Hochzeitsgesellschaft dem großen Augenblick entgegen, als der Bräutigam sich unvermittelt umdrehte, um seiner Braut entgegen zu eilen. Aber nein! Mit großen Schritten und ohne sie auch nur eines Blickes zu würdigen, lief er an ihr vorbei, hinaus zur Kirchentür. Dröhnendes Motorgeheul übertönte das Geläut der Hochzeitsglocken und schon düste der flüchtende Bräutigam in seinem Jaguar mit quietschenden Reifen davon und ward nicht mehr gesehen …

„Pardon, das gehört sich doch nicht!“ werden Sie vielleicht sagen. Wäre der junge Mann nur etwas belesener gewesen, dann hätte er erkannt – Sie ahnen bestimmt schon, was jetzt kommt? Richtig: Hermann Hesse „Der Weltgeist will nicht fesseln uns und engen“ … und in den meisten Fällen auch die Ehe nicht ;-)